Futurium Berlin

Futurium Berlin

Futurium

Berlin

Galerie mit Exponaten im Bereich Wohndesign

Berlin ist immer eine Reise wert

Diesmal stand auf meinem Reiseplan Berlin: wegen eines Kongresses sollte ich in das ESTREL kommen. Eigentlich ein fürchterlicher Klotz in einer wenig attraktiven Ecke, doch das Hotel hat sich gewandelt – fast zu einem kleinen Museum zeitgenössischer Kunst. Schon am Eingang wird man von einer Holzskulptur von Tony Cragg empfangen, gleich daneben steht ein Bronzeguss von Erwin Wurm und in der Ecke hängt ein Gemälde von Jonas Burgert gefolgt von vielen Weiteren. Überraschend! Bevor es zum Futurium Berlin geht, war ich also auf dem Kongress unterwegs.

Auf dem Messestand ist alles soweit gut gelaufen, also war abends noch genug Zeit sich mit einem ehemaligen Mitarbeiter und Freund zu treffen und ab ins Nobelhart & Schmutzig. Definitiv ein gastronomisches Erlebnis. Die Mädels und Jungs hinterm Herd legen größten Wert auf natürliche Produkte, von kleinen landwirtschaftlichen Betrieben aus der Region, die frei von chemischer oder industrieller Verarbeitung produzieren, um den wahren und vollen Geschmack zu erreichen. Diese servieren sie dann minimalistisch mit höchster Präzision und der passenden Geschichte dazu. Kurz gesagt: SUPERGEIL.

Soviel am Rande. Eigentlich geht es ja an dieser Stelle um ganz was anderes: vor der Heimreise wollte ich morgens noch unbedingt das nagelneu und ganz frisch eröffnete Futurium Berlin besuchen, ganz geschickt gelegen, gleich neben dem Bahnhof.

Holzkonstruktion mit Badewanne zum Färben von Stoffen

WELCOME TO THE FUTURE, MR. PRESIDENT

In Berlin gibt es immer wieder Neues zu entdecken, egal wie oft man da ist. Und weil das frisch eröffnete Futurium so neu ist, wollten da auch andere hin, um genau zu sein der Bundespräsident. Da der Mann so wichtig ist, darf da gleichzeitig kein anderer rein und auch ich (!) musste draußen bleiben. Unverschämtheit. Mein Zug ging kurz nach drei und ab ein Uhr durfte das niedere Volk erst wieder rein. Glücklicherweise ist Eintritt für die ersten drei Jahre frei, sonst hätte ich mich mächtig geärgert. Denn im Futurium Berlin wird soviel Information vermittelt, dass ein ganzer Tag einem knapp erscheint und ich hatte leider nicht einmal zwei Stunden. Also nix wie los!

Stahlkonstruktion mit bunten Kunststofffolien

Würfel, Punkte und Roboter

Das Gebäude des Futurium Berlin von außen ist ein relativ einfallsloser schwarzer Würfel — ob das sinnbildlich für die Zukunft steht? Auf jeden Fall hat der Architekt eine Ecke vergessen und zu dieser geht es rein. Drinnen gibt es erst mal einen Shop mit dem üblichem Museumsplunder, eine Empfangstheke, Garderobe und viele, viele Punkte. Diese ziehen sich durchs ganze Gebäude und erlauben witzige Durchblicke. Ab die Treppe nach oben! Dort wird man von einem kleinen weißen Roboter empfangen, von dem man ein Armband mit Chip zum „Punkte sammeln“ bekommt.

Raum mit Holzstreben und Holzplatten, in dem ein T-Shirt aus nachhaltigen Materialien hängt

Haus der Zukunft

Das „Futurium – Haus der Zukunft“ steht für die Gestaltung unserer Zukunft. Es soll als Forum für Wissenschaft, Wirtschaft und Politik fungieren. Zu den Partnern und Initiatoren gehören keine geringeren wie das Ministerium für Bildung und Forschung, die Max-Planck-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft und das Fraunhofer-Institut. Das Gebäude wurde von den Architekten Richter und Musikowski entworfen. Ausstellungsgestaltung und mediale Bespielung kommen von Art+Com und Schiel Projekt.

Man betritt die eigentlich Ausstellung, indem man auf die rasante Entwicklung unseres Planeten zurückblickt, und sich daraus resultierend Fragen über dessen und unsere Zukunft stellt. Das Ganze wird mit einer geschwungenen Medienwand inszeniert und teilweise auch ganz klassisch dargestellt.

weiße Pilze für die Verwendung in der Architektur

Interaktiver Spaß

Dahinter befinden sich sechs riesige Leuchtwände. Hier werden umfangreich, mit verschiedensten Medien und Beispielen, die Themen Neue Materialien, Energie, Digitale Welt, Roboter, Gene und Medizin. Man kann interaktiv mitwirken bei Fragen „Wie zukunftsträchtig ist mein Beruf?“, „Wofür werden Roboter eigentlich gebraucht?“, „Wer entscheidet welche Daten, wo erfasst werden?“ „Welche Ideen gibt es um unser Energie-Problem zu lösen?“ und vieles mehr. Mit seinem Chip kann man bewerten und sich sicher einige Stunden beschäftigen. iPads mit Augmented Reality-Anwendungen dürfen selbstverständlich genauso wenig fehlen wie der schreibende Roboter. Spannend aufbereitet für jedes Alter.

Bunte Pappkartonflächen mit Begriffen zum Thema Produktlebenszyklus

spannende Themen

Ganz anders dann in der hellen „Spielecke“. Sie lädt zum Verweilen ein, man kann sogar schaukeln, sich auf ein Sofa fläzen und einfach nur die Aussicht genießen oder mit den Themen Handel und Ressourcen, Zeit, Konsum und „Minifabriken“ auseinandersetzen. In großen kubischen Räumen werden im Futurium Berlin die Themen installationsartig und an vielen anschaulichen Beispielen aufbereitet: „Welche Rohstoffe stecken in einem Auto?“, „Wer verdient was an einem T-Shirt?“ oder „Welche Wege legt eine Jeans zurück?“. Sehr schön gelöst und auch hier wieder eine riesige Informationsflut. Künstlerisch beeindruckend nimmt Sonja Alhäuser mit „Fragment II“ Stellung zum Thema Hunger und Wohlstand anhand einer großartigen Margarine-Skulptur!

Skateboard mit einem dicken Rad in der Mitte

Fliegende Kraftwerke

Der nächste Hingucker ist die raumeinnehmende, gigantische Holz-Skulptur „Neo-Natur“. Sie wurde nach einem Prinzip des Mathematikers Ludwig Danzer entwickelt, ist 8 Meter hoch, besteht aus 16 Modulen und 4500 Verbindern und wurde mit Hilfe von Augmented Reality montiert. Sie beschreibt Quasikristalle in denen Atome in aperiodischer Struktur angeordnet sind. Hui. Hört sich verrückt an, ist es auch!

Dieser Bereich der Ausstellung beschäftigt sich mit dem Thema Energie, wie man mit „fliegenden Kraftwerke“ oder „Algen unser Energieproblem lösen kann?“. An einem tollen Modell wird die Idee der Kreislauffabriken gezeigt: „Kann unser Abfall etwas Neues werden?“ Es werden neue Materialien für Flugzeuge oder zum Bauen und Wohnen in grünen Gebäuden vorgestellt und es geht um die Naturgewalt Mensch. Auch diese sind wieder super aufbereitet und der Schreiner hat ganze Arbeit geleistet. Wow. But tooooo much Information im positiven Sinne, tragisch ist nur wenn die Zeit rennt und der Zug schon am Gleis wartet.

Präsentationstafeln mit verschiedenen Algen in Glasbehältnissen

Auf dem Dach

Schnell noch die Treppe hoch: Vor mir steht die eher alberne Zukunftsmaschine: Nun hat man ja die Möglichkeit an diversen Stellen in der Ausstellung Dinge zu bewerten und mit seinem Chip am Handgelenk abzustimmen. Dann kann man diese „Punkte“ an der sogenannten Zukunftsmaschine im Zwischengeschoß über der Ausstellung einlösen und bekommt dafür sein ganz eigenes Zukunftsbild erstellt. A-ha … nun-ja. Ähhhh, weiter!

Die pinke Treppe hoch aufs Dach des Futurium Berin zum Skywalk. Eine witzige Idee, um ein wenig zeitgemäßes Bauen auch real zu sehen. Hier kann man eine Runde über das Niedrig-Energie-Gebäude drehen um zwischen Photovoltaik- und Solarkollektoren Ausblicke auf Spree und rüber zur (Noch-)Kanzlerin zu genießen. Ein paar mehr Informationen zum Gebäude und der Technik wären interessant. Vielleicht habe ich sie zwischen all den Informationen aber auch einfach nicht entdeckt.

Plattenmaterial aus Holzstaub-Abfällen

Futurium Lab

Einen letzten kurzen Blick werfe ich ins Untergeschoß, das Futurium Lab: Dort finden Workshops rund um den 3D-Druck statt, und man kann neue Werkstoffe kennen lernen. Wem der Kopf noch nicht qualmt darf auf Bildschirme starren, kann in Büchern schmökern oder ganz einfach zum krönenden Abschluss etwas Kunst genießen. Und da sind wirklich ein paar mega Installationen aus dem Weltraum gelandet, wie die „Noosphere“ von Philip Beesley oder „The Outside Inside“ von Johanna Schmeer. Es lebt!

Das Futurium Berlin lohnt sich also definitiv, nix wie hin und viel Zeit mitbringen. Sonst hat Berlin zum Glück ja wenig zu bieten. Meinen Zug habe ich übrigens gekriegt. Pünktlich war er auch an Start und Ziel. Es klappt doch mit der Bahn.

Till Brönner – Melting Pott

Till Brönner – Melting Pott

Till Brönner

„MELTING POTT“

Galerie mit Exponaten im Bereich Wohndesign

MKM MUSEUM KÜPPERSMÜHLE FÜR MODERNE KUNST, DUISBURG

Auf unserem Weg durchs Ruhrgebiet haben wir uns entschieden, nach langer Zeit mal wieder im Museum Küppersmühle in Duisburg reinzuschauen. Bei tristem Wetter sind wir am Binnenhafen angekommen, ringsum Baustellen. Neben modernen Büro- und Wohnbauten erhebt sich der riesige und mehrfach erweiterte Backsteinbau von der Jahrhundertwende. In guter Erinnerung freuen wir uns auf den Besuch und wir werden von der Ausstellung Melting Pott von Till Brönner nicht enttäuscht!

Holzkonstruktion mit Badewanne zum Färben von Stoffen

Ein Besuch lohnt sich

Auf Ebene 1 wurden aktuelle Photographien von Till Brönner gezeigt. Auf den Ebenen 2 und 3 befindet sich die Sammlung. Dort sieht man alle deutschen „Superstars“ der Kunstszene: Lüpertz, Richter, Penck, Baselitz und Kiefer, die ZERO gruppe um nur einige zu nennen.

Das Museum ist aus der Sammlung von Hans Grothe hervorgegangen, von den aus Darmstadt stammenden Sammlern Stöhrer zu einer der größten Sammlung deutscher Nachkriegskunst erweitert. Tolle große Räume, tolle große Werke. An manchen Stellen haben die Architekten (Herzog & de Meuron) einen langen Schlitz gelassen, der den Blick in den verregneten Hafen freigibt und etwas Tageslicht hinein lässt. Es lohnt sich also in jedem Fall, für einen Besuch hierher zu kommen.

Holzkonstruktion mit Badewanne zum Färben von Stoffen
Stahlkonstruktion mit bunten Kunststofffolien

Der Pott – ganz schön ungeschönt

Die aktuelle Ausstellung von Till Brönner zeigt sein Revier: der Pott und er zeigt ihn ungeschönt. Ganz nah, direkt und mittendrin. Es sind die Menschen, die Städte, Straßen und Häuser aber auch Details. Vermutlich mag auch er wiederkehrende Muster. Sein zentrales Motiv – aus dem Pott nicht wegzudenken – der Bergbau mit seinen Zechen, dem Stahl und den Arbeitern.

Till Brönner ist bekannt als deutscher Jazztrompeter, unterrichtet diese auch als Professor und photographiert seit einigen Jahren erfolgreich. Seine doch teilweise sehr unterschiedlichen Bilder ergeben in der Ausstellung ein Ganzes und zeigen das Ruhrgebiet wie es ist. die Natur und der alte Industriebau, Arbeiter und bekannte Künstler, Stahlarbeiter und Schalkefans. Die abwechslungsreichen Eindrücke, die er mit seiner Kamera eingefangen hat, stehen für die Vielseitigkeit seiner Heimat. Auch wenn Till Brenner mittlerweile in Berlin und Los Angeles lebt, spürt man seine Verbundenheit zum Pott. Gelungen und unterhaltsam anzusehen. Die Zukunft wird zeigen, ob er seinen Stil weiter festigt und sich als Photograph etabliert. In jedem Fall hat die Ausstellung Spaß gemacht!

Weitere Photographien mit altem Industriecharme aus dem Pott finden Sie in unserem Blogbeitrag zur Zeche Zollverein.

Holzkonstruktion mit Badewanne zum Färben von Stoffen
Clark Richert – Hyperspace

Clark Richert – Hyperspace

Clark Richert

„Hyperspace“ in Colorado

Geometrische Strukturen in einem Kunstwerk

glücklicher Zufall

Auf unserem hochtemperierten Erkundungstrip durch Denver haben wir zum Abkühlen Stopp gemacht im Museum of Contemporary Art, kurz MCA. Manchmal hat man Glück und so sind wir auf eine überraschend spannende und umfangreiche Ausstellung gestoßen: die erste große Retrospektive des wohl bekanntesten Künstlers Colorados, Clark Richert. Dessen Titel „Hyperspace“ klingt ja vielversprechend. Richerts Werke behandeln die Erschaffung von Raum mit überwiegend geometrischen Formen. Gerenell fokussiert sich die Ausstellung auf Richert als Maler und als feste Institution der künstlerischen Landschaft von Colorado.

Ausstellungsraum mit Screens und einem großen Wandbild mit kuppelförmigen Häuschen

EINE HIPPIE-KOMMUNE ALS KÜNSTLERISCHE INSPIRATION

Bekannt ist Clark Richert vor allem als Mitbegründer der legendären Hippie-Kommune „Drop City“. Diese entstand zwischen 1965 und 1969 in der Nähe von Trinidad, Colorado. Mit dieser grundlegenden Erfahrung in seinem Leben wird die Ausstellung auch eröffnet. Seine Arbeit in der Kommune zeigt seine konzeptionellen Gedankengänge. Diese spiegeln sich in seiner Affinität zu Dimensionalität widers. Das Interesse und die Faszination des Verhältnisses zwischen mehreren Dimensionen wurde vor allem durch R. Buckminster Fuller beeinflusst. Deswegen bauten Richert und die anderen „Droppers“ die „Domes“, ihre Wohn- und Arbeitsräume, nach dessen Design.

Ausstellung mit eingerahmten, bunten Illustrationen an der Wand

Geometrische Kunstwerke

Seine Vorliebe für Dimensionalität wird auch in seinen akkurat gemalten Bildern deutlich, die er als Mitglied der „Criss-Cross“ Community erschuf. Er und andere Mitglieder leiteten die geometrischen Formen und Strukturen in ihren Kunstwerken von gegebenen Mustern aus der Natur, Mathematik, Wissenschaft, Musik und Technologie ab. Demnach kreierten Sie diese nicht neu, sondern illustrierten und interpretierten Vorhandenes in einer neuen Weise. Was zuerst flach wirkt, bekommt bei genauerem Hinsehen eine unglaubliche Tiefe mit sehr dreidimensionaler Wirkung.

Gemälde zweier Fenster und dem leeren Raum dazwischen
Blick in Ausstellungsraum mit geometrischen Bildern

DAS ERSCHAFFEN VON DREIDIMENSIONALITÄT

Die Ausstellung folgt Richerts künstlerischen Entwicklung und zeigt wie vielseitig er gearbeitet hat. In den späten 1980ern und 1990ern macht seine Kunst einen ungewöhnlichen Ausflug in die Welt des Piktorialismus, eine kunstfotografische Stilrichtung, die sich von seinen sonstigen Werken stark unterscheidet. Ein künstlerisches Beispiel aus dieser Zeit ist das Gemälde „Blue Room“, das exemplarisch aufweist, dass dieser Kunststil oft leere, voluminöse Räume darstellt. Es zeigt, wie er eine zweidimensionale Oberfläche nutzt um einen dreidimensionalen Raum zu erschaffen.

Ein Jahrzehnt später beschreibt Richert in einem Essay, dass er die Leinwand als ein Fenster sehe, durch welches eine Welt wahrnehmbar sei. Demnach bedeutet dies für ihn, dass das Gemälde verschiedene Dimensionen beinhaltet und die Leinwand als Rahmen für einen leeren Raum fungiert. Folglich ist Raum und dessen Erschaffen ein zentraler Aspekt Richerts Kunst. Ende der 1980er Jahre begann Richert große, realitätsnahe Gemälde zu erschaffen. Diese Werke zeigen erneut, wie intensiv sich der Künstler mit dem Verhältnis der flachen Oberfläche der Leinwand und dem dimensionalen Raum des Bildes beschäftigt. Er erschafft Tiefe und dadurch erschafft er Raum.

geometrisches Gemälde mit gelben, roten und blauen Vierecken
Bild mit räumlicher Tiefe durch bunte Linien und Punkte

EINE AUSSTELLUNG MIT NACHGANG

„Hyperspace“ hat uns extrem beeindruckt. Es zeigt, wie intensiv Richert sich mit geometrischen Gesetzen, Dimensionalität und Raum auseinander gesetzt hat. Auch wenn sich die Werke, die im MCA ausgestellt wurden, optisch und stilistisch unterscheiden mögen, sie entstanden alle auf der Basis von geometrischen Prinzipien. Beeindruckend realistisch verwandelt der Künstler flache Oberfläche in zwei- oder dreidimensionale Räume. Ein Talent, das der Amerikaner durch viel Forschung perfektioniert und womit er eine neue Darstellung von Dimensionalität erschaffen hat.

Einen etwas anderen Ansatz zu konstruierten räumlichen Dimensionen finden Sie in unserem Blogbeitrag zu Victor Vasarely.

ZKM Negativer Raum

ZKM Negativer Raum

ZKM Karlsruhe

Negativer Raum

Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe mit Nebel und Skulptur

SKULPTUR UND INSTALLATION

„Weg von der klassischen Definition der Skulptur, hin zur Eröffnung neuer Möglichkeiten“. So beschreibt Kurator Peter Weile das Ziel der Ausstellung „Negativer Raum“ im Zentrum für Kunst und Medien, kurz ZKM, in Karlsruhe. Entgegen den Gesetzen von Schwerkraft, Masse und Volumen, sollen die ausgestellten Exponate einen neuen Blick auf die moderne und zeitgenössische Skulptur eröffnen und somit die Geschichte der Skulptur neu erzählen. Über 350 Kunstwerke aus aller Welt machen Raum erlebbar und sind gerade für Designer eine Quelle der Inspiration. Negativer Raum ist schwer greifbar. Dennoch wird er in der Ausstellung in Form von Freiräumen, Hohl- und Zwischenräumen, Spiegel-, Licht- und Schattenräumen sowie optischen Täuschungen sichtbar gemacht. Wir haben uns auf den Weg nach Karlsruhe gemacht und uns die interaktive und abwechslungsreiche Ausstellung im ZKM angeschaut.

ALLES IST ERLEBBAR

Raum, wie wir ihn kennen, ist mit unseren Sinnen erfahrbar und charakterisiert sich durch den Bezug des Menschen mit seiner Umgebung. Bis 1900 waren Skulpturen körperzentriert. Dies bedeutet, dass diese zwar dreidimensional im Raum stehen, aber der Raum selbst nicht zum Thema wird. Die Entwicklung der westlichen Skulptur ist also seit der Antike mit der Idee des Körpers und den Kriterien Masse, Volumen und Schwerkraft verbunden. In der Ausstellung „Negative Shapes“ steht das Gegenteil im Fokus: Beeindruckende Installationen, Spiegel, Licht und Schatten erschaffen Formen und ändern den Blick auf die moderne und zeitgenössische Skulptur. Auch kleinteilige Elemente wie Fäden oder kleine Metallblättchen wurden von den Künstlern raumbildend genutzt um einen anderen Blick auf Skulptur und Raum zu geben.

große Kugel, geformt aus vielen kleinen goldenen Metallblättchen, Sicht von unten
Leinwand mit dem Schatten zweier Personen und einem Vogelschwarm

DER BESUCHER ALS TEIL DER AUSSTELLUNG

Das Besondere für den Besucher ist die Wahrnehmung des Raumes mit allen Sinnen und das interaktive Erleben der Exponate und Installationen. Wir fanden es besonders faszinierend, wie Licht und Schatten Räume erschaffen können. Genauso beeindruckend war, wie groß die Wirkung von Animationen auf den Raum sein kann.

Im Shadow Play durften wir als Besucher Teil der Ausstellung werden. Dort ist man selbst der Hauptdarsteller und hat sichtbaren Einfluss auf das Kunstwerk. Gefühlt sind wir Teil eines Films und beeinflussen mit unseren Schatten den Ablauf der Animation auf der riesigen Leinwand. Mal fliegt ein Vogelschwarm über uns hinweg, mal fallen „Schattenhäuschen“ vom Himmel, die wir auffangen können und mal öffnen sich mit einer Geste digitale Fenster an der Wand. Der Besucher betritt eine Bühne und spielt mit seinen Bewegungen die Hauptrolle.

 Auch der Infinity Room ist uns als sehr beeindruckend in Erinnerung geblieben. Komplett mit Spiegeln ausgestattet lassen die Reflexionen jegliche Grenzen verschwimmen. Das Gefühl in einer unendlichen Weite zu stehen und fast schon in der Luft zu schweben macht sich breit. Unterstützt wird dieser Effekt durch Lichtinstallationen, die das grenzenlose Gefühl vollkommen machen. Da Licht und Animation zwei sehr wichtige Komponenten im Messedesign sind, lassen wir uns gerne von solchen Ausstellungen inspirieren. Das Erschaffen von Räumen ist unsere tägliche Aufgabe und spannende Effekte durch Videoinstallationen und Licht setzen auch beim Messebau besondere Akzente.

Zwei Frauen in einem komplett verspiegelten Raum, Sicht von oben
Ein schwarzer Raum, nur von einem Lichtkegel durchbrochen, der den Schatten einer Person sichtbar werden lässt

©Krishna Reddy (@oyekalakaar)

MIT LICHT UND SCHATTEN RAUM ERSCHAFFEN

Wenn man der Ausstellung weiter folgt, gelangt man zum Shadow Room. In diesem stockfinsteren Zimmer wird die räumliche Bedeutung von Licht und Dunkelheit deutlich spürbar. Durch eine Schleuse gelangt man in den völlig schwarzen Raum, ausgestattet mit nur einem einzelnen Scheinwerfer an der gegenüberliegenden Wand. Der Strahl durchbricht die Dunkelheit und zieht sich durch das gesamte Zimmer. Wenn man diesen versucht zu berühren oder durchschreitet, spürt man das Licht regelrecht auf der Haut. Der beleuchtete Bereich grenzt sich von seiner schwarzen Umgebung ab und erschafft so separaten Raum.

 

Danke an Krishna Reddy für die fantastischen Photos im Shadow Room.
Many thanks to Krishna Reddy for creating this extraordinary picture in the shadow room.

Kunst im Kulturspeicher

Kunst im Kulturspeicher

Das Museum im Kulturspeicher Würzburg

Konkret im Speicher

alter Getreidespeicher mit Ziegelfassade

Neobarocker Getreidespeicher

128 Meter lang erstreckt sich das Gebäude mit drei neobarocken Giebeln: Das Museum im Kulturspeicher Würzburg verläuft parallel zum Main und ist allein durch seine Architektur ein Hingucker. Herz des ehemaligen Getreidespeichers ist die „Sammlung Peter C. Ruppert“. Mit Werken von über 200 Künstlern aus 23 Nationen wird die Entwicklung der Konkreten Kunst in Europa dokumentiert. Die Spezialisierung auf einzelne bildnerische Phänomene wie Licht und Oberfläche, Serialität, Fläche und Raum macht diese Ausstellung zu einem „Must-see“ für jeden Designer und einer Inspirationsquelle für Gestaltung und strukturierten Bildaufbau. Wir waren dort nachdem uns schon die Sonderausstellung auf der ART Karlsruhe begeistert hat und wir einen Messeaufbau im nahegelegenen Congress Centrum Würzburg organisiert haben.

Ausstellungsobjekt aus Metall in Form von Treibholz
Schwarzweiß-Bild eines Innenraums in einem alten Getreidespeicher

RENDEZVOUS DER LÄNDER

Im linken Gebäudetrakt des Museums befindet sich die Sammlung „Peter C. Ruppert – Konkrete Kunst in Europa nach 1945“. In den zwei Räumen, die im Kulturspeicher deutschsprachigen Künstlern gewidmet sind, ist Christoph Freimann mit zwei Ausstellungsstücken vertreten. Unter anderem mit seiner Skulptur „Treibholz“, welche eine Einheit aus Plastik und Raum ergibt. Besonders Josef Albers, der ehemalige Bauhauslehrer, ist mit seinen einflussreichen Farbuntersuchungen von großer Bedeutung. Genau wie im Bauhaus, spielt bei der sich daraus entwickelt Konkreten Kunst, das Erschaffen von Raum eine enorme Rolle. Diese Kunstform hat einen engen Bezug zu Design. Formensprache und die Komposition von Räumen ist auch im Messebau ein wesentlicher Bestandteil des Schaffensprozesses. Unter anderem durch die Architektur des Standes, die richtige Ausleuchtung und auch die Ausstattung mit Möbeln und Grafiken, wird eine Komposition und ein Raum erschaffen, der schließlich eine Schnittstelle zwischen Kunst und Design ergibt.

buntes Exponat mit 3D-Effekt aus hervorspringenden Dreiecken
Installation mit farbigen Neonröhren in Form von Buchstaben

PHÄNOMENE DER BEWEGUNG

In den anderen Räumen der Ausstellung finden wir Protagonisten aus Frankreich, Belgien und Ungarn, aber auch aus Europas Süden und Osten. Von besonderem Interesse sind für viele Besucher die berühmten Werke Victor Vasarelys. Das Phänomen der Bewegung wird in diesen Räumen auf verschiedenen Wegen interpretiert: Plastisch gemalte Werken, die den Eindruck von 3D erzeugen und mehrere Bildebenen, deren Überlagerung zu optischem Flimmern und Vibrieren führt. In anderen Worten, Kinetische Kunst, die die Wahrnehmung verändert. Die künstlerische Reise führt über Italien, wo die Künstler vor allem die einmalige Verbindung zwischen Kunst und Design geschaffen haben. Ein leuchtendes Beispiel ist hier Mauricio Nannuccis Werk „Zeit“. Diese Installation bestehend aus farbigen Neonröhren verbindet Schrift mit Kunst und Design.

Ausstellungsraum mit skulpturalen Exponaten und Bildern an den Wänden

KONKRETE KUNST IN ALLEN FACETTEN

Egal wie vielfältig die einzelnen Kunstwerke auch ausfallen, sie haben doch eines gemeinsam: Sie orientieren sich nicht am Abbild der Wirklichkeit. Sondern sie erschaffen mit Hilfe von bildnerischen und mathematischen Mitteln eine eigene, künstlerische Wirklichkeit und Raum. Die Ausstellung zeigt, was für eine Entwicklung die Kunstform durchlaufen ist und welch breitem Spektrum an Materialien und Medien sie sich bedient. Obwohl Peter C. Ruppert im Februar 2019 verstarb, ist die Sammlung nicht abgeschlossen. Wir sind der Meinung, nicht nur das Museum im Kulturspeicher Würzburg ist sehenswert, sondern auch die Reise dahin!

Erfahren Sie mehr über die Sammlung und das Museum selbst unter