Einfach Grün

Einfach Grün

Einfach Grün

Deutsches Architekturmuseum

farbenfrohe Ausstellungswand

Museumsbesuch
online und offline

Das Deutsche Architekturmuseum DAM in Frankfurt hat wieder offen. Cafés und Außenterrassen übrigens auch. Wir hatten das Glück bereits im März vor der temporären Schließung die Ausstellung „Einfach Grün – Greening the City“ anzuschauen.

Erste Informationen hatten wir bereits über die „Onlineführung“ mit Yorck Förster erhalten. Auch wenn sich die Ausstellung vor allem an interessierte Bürger richtet, hat sie auch für Designer, Architekten, Städte- und Landschaftsgestalter viel Interessantes zu bieten.

Faszinierende Gebäude

Yorck Förster stellte in einer seiner Onlineführungen besonders die beeindruckenden Gebäude wie den „Bosco Verticale“ in Mailand mit seiner Baumbepflanzung oder auch das „Hotel Oasia“ in Singapur mit seinen riesigen Bäumen auf terassenartigen Innenhöfen in luftiger Höhe vor.

Aber auch der „Köbogen“ in Düsseldorf oder das „Baumhaus“ in Darmstadt geben einen Eindruck was heute alles möglich ist, aber auch schon vor einigen Jahrzehnten probiert wurde.

Neben den Werken großartiger Architekten zeigt die Ausstellung auch praktische Beispiele von Living Walls, Pflanzsäcken oder Pflanzsäulen, die auch Mieter umsetzen können.

Fotografien von Stadtbegrüngung-Projekten

Fotografien von faszinierenden, begrünten Gebäuden in der Ausstellung „Einfach Grün“

Pflanzsäule im Museum
Informationstafel zu Dachbegrünung
vertikaler Garten
Ausstellung mit Texten und Grafiken

Stadtklima

Im Vordergrund steht vor allem der positive Effekt von Hausbegrünungen auf das städtische Klima und unseren Lebensraum. Lärmminimierung, Feinstaubbindung, Wasserrückhalt und Verdunsten, Temperaturreduzierung und Artenvielfalt sind Begrifflichkeiten, die in den technischen Skizzen immer wieder auftauchen.

Auf den unzähligen Informationstafeln werden Dachformen, Wandsysteme und Pflanzenarten genauer erläutert aber auch alte Vorurteile aus dem Weg geräumt. So wie z.B. die Frage ob wilder Wein den Putz zerstört, oder Photovoltaik in Konkurrenz zur Dachbegrünung steht.

Zukunftsvisionen

Mit einem umfangreichen Rahmenprogramm nicht nur in digitaler Form ist die Ausstellung eine Hommage an architektonische Visionäre. Gleichzeitig ist sie auch eine praktische Anleitung für Hausbesitzer und jene, die es werden wollen. Ein Aufruf gegen Betonwüsten und Kiesdächer, eine Intitiative für unsere grüne Zukunft in den Städten. 

Mehr inspirierende Texte zum Thema Nachhaltigkeit gibt es in unserem Blogbeitrag zur Dutch Design Week in Eindhoven.

Die Ausstellung läuft noch bis 11.7.2021. Parallel finden Exkursionen in Frankfurt statt. Von Juli bis September kann man die grünen Oasen von Stuttgart live erleben.

modulare Fassadengestaltung
Richard Jackson

Richard Jackson

Richard Jackson

UNEXPECTED UNEXPLAINED UNACCEPTED

Unser erster Museumsbesuch seit Corona ging in die Schirn nach Frankfurt. Ganz unerwartet zu Richard Jackson aus California. Mit Online-Ticket für ein vorausgewähltes Zeitfenster, Maske und einer groben Vorstellung wie viel 1,5 Meter sind, haben wir uns in der ersten Schlange noch vor dem Gebäude eingereiht. Auch ein Seniorenheim machte wohl einen Ausflug. Neben unserem Ziel läuft noch eine zweite Ausstellung zu alten Künstlerdamen, aha! Nach kurzem treppauf ging es in einer zweiten Schlange weiter und der Abstand schrumpfte auf eine Armlänge — vor Spannung — oder wieviel sind gleich anderthalb Meter?

In jedem Falle wurde am Ende der zweiten Treppe klar getrennt: Links die Senioren und geradeaus durften wir. Ja, sonst war da niemand. Wir hatten die komplette Ausstellung für uns. Phantastisch. Geradezu unexpected. Woran das liegen mag? Hierzulande ist Richard Jackson wohl wenig bekannt. Jenseits des Teich aber sehr wohl. Er selbst ist großer Fan von Jackson Pollock und seine erste Schaffensphase dem abstrakten Expressionismus angelehnt. Er wohnte einige Zeit mit Bruce Naumann zusammen in Pasadena und wurde von seinem Förderer Edward Kienholz in die Kunstwelt von LA eingeführt, ursprünglich studierte er Bauingenieurwesen in Sacramento.

MALMASCHINEN

Richard Jacksons Kunst kurz beschrieben: ein konzeptuell-humoristisch-expressiver Environment-Popart-Mix. Dabei ist ihm der Entstehungsprozess wichtiger, nicht das Endprodukt. Nach seiner expressionistischen Phase hat sich für ihn immer mehr der Malprozess erweitert, dabei sind mit der Zeit immer mehr Malmaschinen entstanden, welche er selbst konstruiert. Diese können ganze Autos oder sogar Flugzeuge beinhalten. Diese Maschinen versprühen dann exakt geplant, zufällig Farbe. Klingt verrückt? Ist aber so. Seine Installationen sind immer vielteilig, aufwendig hergestellt und (nicht nur) durch lebensgroße Glasfiberkomikfiguren auch sehr lustig. Einige seiner Werke hat er auch wieder zerstört, der Weg ist sein Ziel.

THE WAR ROOM

Auf der Ausstellung selbst werden fünf seiner „Rooms“ gezeigt, seit 2005 sind davon bisher zwölf entstanden. Seine Werke benötigen Platz und als erstes springen einem die überlebensgroßen Dagoberts ins Auge. Mit „The War Room“ hat er Jasper Johns monumentales Gemälde „Dymaxion Map“, basierend auf Buckminster Fullers idealistischer Weltkarte, wieder zurück auf einen Raum gefaltet und ringsum riesige Generäle in Entenform positioniert, die sich gegenseitig mit Farbe bespritzen — der Kampf um die knappen Ressourcen.

THE DINING ROOM

In „The Dining Room“ hat er eine häusliche Szene, wie aus einem Splatterfilm als eskaliertes Abendessen dargestellt. Der Papa hat sich mal so richtig Luft gemacht. Auch hier wurde über gesteuerte Kompressoren ganz gezielt Farbe zufällig verspritzt.

BED ROOM

„Bed Room“ ist die Weiterführung einer 25 Jahre älteren (und zerstörten) Version eines detailgetreu nachgebauten Schlafzimmers. Allerdings muss sich unter dem Bett eine Hydraulik befunden haben, welche das mit Farbe versehene Bett an der Decke rotieren ließ. Er hat schon früher die farbige Leinwand zur Wand gedreht, so entstanden seine „Wall Paintings“.

THE MAID’S ROOM

Eine Hommage an Marcel Duchamps Installation „In Étant donnés“ hat er mit dem voyeuristischen Raum „The Maid’s Room“ geschaffen. Was da mit dem Staubsauger abgegangen ist, will man nicht wissen.“… man muss sich den Entstehungsprozess selbst vorstellen“, sagt der Künstler.

THE DELIVERY ROOM

Ähnlich blutig geht es in „The Delivery Room“ zu. In einem Kreißsaal findet eine Entbindung statt. Allerdings schaut das ganze aus wie ein Massaker. Wofür die verspritzte Farbe steht dürfte klar sein. Hier wird in einem Kraftakt die expressionistische Maschinenmalerei geboren.

Der 1939 geborene Künstler versucht bis heute die Malerei zu erweitern und hat wohl sichtlich Spaß dabei. Wenn gleich ihm klar ist, dass alles eine Lebensdauer hat, er irgendwann sterben wird und mit ihm dann auch seine Kunst! Nun ja, hoffentlich bleibt doch einiges davon erhalten. Tolle Ausstellung mit inspirierenden Werken. Unerwartet eben.

Bernd Schwarzer

Bernd Schwarzer

Bernd Schwarzer

Europakunst

chaotisches Atelier mit Gemälden, offenen Farben, Staffeleien und Fahnen

ZU BESUCH BEI BERND SCHWARZER

Überraschend kam ich zu dem Vergnügen einen Atelierbesuch bei Bernd Schwarzer in Düsseldorf zu machen. Der Künstler persönlich hat meinen Bruder und mich über vier Stunden durch zwei seiner vier Ateliers und seinen neuen Ausstellungsraum geführt.

Öl-Porträt des Papstes in blau und gelb

„EUROPAKUNST“

Sein zentrales Thema ist Europa. Seit einigen Jahren dreht sich bei ihm alles darum: Seine Farbpalette baut sich um die Farben gelb und blau, aber auch schwarz, rot und gelb (gold) auf. Begonnen hat alles nach dem Mauerfall. Was seine Kunst auszeichnet, ist der unglaublich pastose Farbauftrag. Zu diesem hat ihn – wie er ausführt – van Gogh inspiriert, er hat die Dicke aber weit übersteigert. Ein weiterer für ihn wegweisender Künstler und Vorbild ist Joseph Beuys, bei dem er auch einige Zeit als Gaststudent gelernt hat.

IDEENREICH

Bernd Schwarzer selbst ist überaus sympathisch und strotzt vor Energie und Ideenreichtum. Zu den vielen Werken, die in Arbeit sind und seine Ateliers füllen plant er an seiner größten Vision – sein Europa-Museum. Dazu soll auch eine Akademie gehören und das Schwarzer Café. Ich freue mich schon auf meinen nächsten Besuch.

GEORDNETES CHAOS

Der pure Wahnsinn springt einem entgegen, wenn man das erste Atelier betritt. Ein scheinbares Chaos auf drei Stockwerken. Beeindruckt steht man da und weiß gar nicht, wo man zuerst hingucken soll. Deckenhoch stapeln sich Fundstücke, Zeitungen, Bücher, Kunstwerke, Farbe, Pinsel, Kisten, dazwischen Work-in-Progress. Aber hinter dem Chaos steckt System. Alle Kisten sind beschriftet und mit einem Handgriff findet der Künstler, was er sucht. In unserem Fall alte Zeichnungen — und er hat richtig gute Zeichnungen. Man sieht, er hat sein Handwerk gelernt. Er redet über aktuelle und kommende Ausstellungen, seine Pläne und Visionen mit dem Europa-Museum und dass er gar nicht hinterher kommt. Irgendwie kenne ich das …

DIE ERSTEN WERKE

Zwei Frühwerke. Zwei Zeichnungen. Eine mit Bleistift, eine mit Tusche. Ein Stein auf einem riesigen Blatt Papier, das andere ein elektrischer Stuhl auf einem ziemlich kleinen Blatt Papier. Beide super gezeichnet. Fraglos.

DER NEUE SHOWROOM

Raus aus dem Atelier, die Straße runter und um die Ecke sieht man schon ein knallgelbes Mehrfamilienhaus mit fetter Aufschrift EUROPAKUNSTHALLE. Bernd Schwarzers Vision ist auf sehr gutem Weg Wirklichkeit zu werden. Wir betreten die heiligen Hallen und stehen schon mitten drin. Die kommende Ausstellung wird gerade vorbereitet, es hängen noch wenige Bilder, die meisten stehen an der Wand im Raum verteilt. Er stellt gerade im Landtag NRW aus und vor kurzem am Bundestag mit einer Ausstellung.

CROSS-OVER IM ATELIER

Innerhalb von 3 Minuten geht es mit dem Taxi zum nächsten Atelier. Es ist sein neustes und wurde davor von Günter Uecker bespielt. Überhaupt die ZERO-Gruppe war gleich hier um die Ecke und Kraftwerk auch, die jetzt auch ein Museum bekommen sollen, sagt er. Hier im Umkreis von einem Kilometer wären alle großen Künstler zugange. Die Tür geht auf, das Licht geht an, das ähnliche Chaos, wie im ersten Atelier, auf gefühlt 800 Quadratmetern. Verrückt. Doch hier sind mehr aktuelle Arbeiten zu sehen. Es hängen mindestens 20, 30 Bilder an Wänden und Staffeleien, an denen gemalt wird, der Farbauftrag ist mehr oder weniger weit fortgeschritten. Der Prozess ist ein langwieriger, er malt teils Jahre an einem Werk. Aktuell scheint es ein Cross-Over aus Pop-Art zu sein, er interpretiert Warhol mit seinem pastosen Van-Gogh-Strich, übermalt Magazine und wird politisch, indem er Politiker und Künstler in seinem Europa vereint.

Vielen Dank, Herr Schwarzer für diese ganz persönliche Führung!

Museum Brandhorst

Museum Brandhorst

Museum Brandhorst

Pinakothek der Moderne

Nachdem ich eigentlich wegen eines kleinen Wirbelsäulen-Fachkongresses in München war, um beim Standaufbau insbesondere unseren neu entwickelten, vibrationsfreien Unterboden beim Ersteinsatz zu begutachten, hat sich nach erfolgreichem Aufbau, der Folgetag zu einem wahren Ausstellungsmarathon entwickelt. Ich war zu Besuch im Museum Brandhorst und in der Pinakothek der Moderne.

MUSEUM BRANDHORST
FOREVER YOUNG

Das Museum Brandhorst feiert 10 Jahre. Seit Beginn begeistert mich ja immer noch die Fassade, welche aus eigens dafür entworfenen 36.000 Keramik-Elementen in 23 Farben besteht, was dem Gebäude selbst den Eindruck abstrakter Kunst gibt. Mindestens genauso bunt ist aber die Ausstellung FOREVER YOUNG.

 

Los geht es im EG mit den Pop-Art-Klassikern wie Andy Wahrhol, Keith Haring, Jean-Michel Basquiat, Jeff Koons und weiteren. Mein persönliches Highlight ist aber die Disko-Kugel, einmal stündlich dreht sie sich.

Im Untergeschoß wird es etwas aktueller, angeführt von Damien Hirsts Tablettensammlung, gefolgt von Mike Kellys Mobile-Interpretation oder Jutta Koethers „Gemäldesammlung“.

 Im Obergeschoß befindet sich die permanente Ausstellung von Cy Twombly. Die Rosenbilder hat er anlässlich der Eröffnung, eigens für den Saal konzipiert. Er hat einen sehr unverkennbaren abstrakten Stil mit aber immer wiederkehrenden Elementen. Auch seine handschriftartigen Bilder, wie bspw. „Nini’s Painting“ sind einzigartig. Man meint Fragmente lesen zu können, kann es aber nicht wirklich.

PINAKOTHEK DER MODERNE

Gleich nebenan befindet sich die Pinakothek der Moderne. Betritt man die Rotunde empfängt einen direkt ein riesiges verchromtes Pendel vom Meister der Lampen, Lichtobjekte und -installationen: Ingo Maurer. Das „Pendulum“ spiegelt die Besucher, die Säulen und natürlich das hereinfallende Licht und — durch die sanfte Bewegung — strahlt es Ruhe in einem meist gut besuchten Raum aus.

BALKRISHNA DOSHI
ARCHITEKTUR FÜR DEN MENSCHEN

Doch erst mal kurz die indische Verwandtschaft besuchen. Gleich neben der runden Theke geht es zur Ausstellung über „Balkrishna Doshi“. Indischer Architekt, Stadtplaner und Pädagoge. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts hat er unerbittlich daran gearbeitet die Architektur in Indien zu modernisieren. Angefangen bei Privathäusern über Schulen bis hin zu ganzen Städten oder Stadtteilen. Habe noch nie so viele tolle Holz-Architekturmodelle gesehen, wie in dieser Ausstellung, schon dafür lohnt der Weg. Obwohl der mit Le Corbusier und Louis I. Kahn zusammenarbeitete, hat er es geschafft deren Ansätze mit traditionellen indischen Formen zu verbinden und eine eigene Sprache zu entwickeln. Nachhaltigkeit spielt für ihn eine große Rolle um die sozialen, ökologischen und ökonomischen Gegebenheiten in Indien einzubeziehen.

200 JAHRE THONET DESIGN

Folgt man nun dem Weg ins Untergeschoß zu all den Designklassikern, kommt man an der „200 Jahr Feier“ der Firma Thonet vorbei. Artig in der Stuhl-Arena nebeneinander aufgereiht, kann man alle Klassiker betrachten. Aber bitte nicht Platz nehmen! Thonet schaffte es mit neuen technologischen und produktionstechnischen Möglichkeiten eine neue moderne Formensprache zu schaffen. Die Form folgte den industriellen Fertigungsmethoden für die Serienproduktion. Und damit waren auch ganz Preise möglich. Später folgten dann die Stahlrohrmöbel, mit dabei die Klassiker von Mies van der Rohe und Marcel Breuer.

INGO MAURER
DESIGN OR WHAT?

Wenige Schritte weiter bin ich dann an meinem eigentlich Ziel angekommen „Ingo Maurer intim. Design or what?“ Die Ausstellung ist noch mit ihm gemeinsam entstanden, am 21. Oktober diesen Jahres ist er leider verstorben. Sein subtiler Umgang mit Licht und Schatten, die spielerischen Ideen sind unvergleichlich und technisch war er immer bei den Vorreitern. Einer meiner Lieblinge ist die Zettel’z, Filigrane Drähte mit kleinen Klammern, an die man beliebige Zettel hängen kann. Damit wird die Lampe niemals langweilig oder kann ganz pragmatisch genutzt werden. Toll auch die LED-Tapeten und natürlich alle gezeigten Stehlampen, Pendelleuchten, Lichtobjekte und die Niedervolt-Seilsysteme mit Halogenspots, womit er den internationalen Durchbruch schaffte und unzählige Male kopiert wurde.

Er gestaltet ganze öffentliche Räume, mit Licht hat er es geschafft Architektur, Design und Kunst zu verschmelzen. Allem voran steht immer eine Idee, ein Konzept, welches dann im Team brillant umgesetzt wird. Seine Lampen können wahrlich fliegen. Dürfte ich mich für eine Lampe in der Ausstellung entscheiden, wäre ich Schach-matt. Entscheidungsunfähig. Alles sind toll, auf ganz unterschiedliche Weise. Also unbedingt hingehen und ansehen!

Wer dann noch nicht genug hat schaut sich das künstlerisch-grafische Werk von Hermann Glöckner an oder dampft zwischen den schaurigen Gestalten bei „Feelings“ im ersten Obergeschoß aus. Die Pinakothek lohnt sich irgendwie immer. Frohes Fest!

Dutch Design Week Eindhoven

Dutch Design Week Eindhoven

Dutch Design Week 

Eindhoven

Galerie mit Exponaten im Bereich Wohndesign

Lässig, chic und unkonventionell

Eindhoven ist mit rund 230.000 Einwohnern nicht riesig, aber die Dutch Design Week hat sich über die letzte Jahre zur bedeutendsten Design Week Europas entwickelt. Über die ganze Stadt verteilt und mit mehreren Schwerpunkten bietet sie für jeden etwas. Man kann also gar nicht enttäuscht werden. Erwartet werden sage und schreibe 350.000 Besucher in einer Woche. Das tolle ist, dass die Veranstalter mehrere kostenfreie Bus-Shuttle-Linien eingerichtet haben um verschiedene (oder auch alle) Schwerpunkte per Hop-On/Hop-Off  zu besuchen. Insgesamt acht Routen unter anderem mit den Themen „Bio Design“, „Art & Collectables“, „Architecture & Public Space“. Wir haben uns vor allem die zwei Bereiche Downtown und Strijp, das ehemalige Philipsgelände, vorgenommen.

Das für den gemeinen Gestalter besonders auffällige ist, dass die Niederlande generell irgendwie designter sind und häufiger nach unkonventionellen Lösungen gesucht werden. Egal, ob es die gestreiften Ampeln sind, die von Studio Dumbar entworfenen Polizeiautos, oder ob man in ein Ladengeschäft geht — alle haben schicke Logos oder ein lässiges Interior, aber teilweise gewiss auch sehr eigen.

Holzkonstruktion mit Badewanne zum Färben von Stoffen

Einfach spannend

Trotz des unpraktischen Plans der ddw, den es online wie offline gab, haben wir in der kurzen Zeit viel gesehen. Wir haben uns treiben lassen und montag morgens erst mal die Innenstadt zu Fuß entdeckt. Gleich der erste Stop war spannend: Studio Nienke Hoogvliet in der Schellensfabrik im Bleekweg. Hier konnte man sein eigenes Bio-Bekleidungsstück nachhaltig mit Pflanzen und Kräutern färben und später mitnehmen. Besonders das mit einfachen Mitteln pragmatisch und doch spannend gelöste Ausstellungsdesign hat uns sehr gefallen.

Stahlkonstruktion mit bunten Kunststofffolien

Green Energy Mill Tower

Unübersehbar war der GEM Tower schon von weitem. GEM steht für the Green Energy Mill. Der Turm mit Sitzmöglichkeiten ist eine Kombination aus Windrad und Solar-Energie, welche über spezielle, bunte Kunststofffolien eingefangen wird. Er soll ausreichend Energie für Festivals generieren, die ja oft im Sommer auf freiem Feld stattfinden. Macht nicht nur optisch gute Laune!

Raum mit Holzstreben und Holzplatten, in dem ein T-Shirt aus nachhaltigen Materialien hängt

The End is near

Ein kurzes Stück weiter, im „Warehouse of Innovation“ ging es erst mal düster zur Sache. Unter dem Thema „The End is Near“ stellen junge Designer durchgeknallte Klamotten im Endzeit-Look vor und thematisieren dadurch die Fashionindustrie als großen Umweltsünder. Der zweite Teil stellte dann die zukunftsfähigen Materialien vor, wie z.B. Algen, Quallen oder recyceltes Acryl. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig und wurden im Bereich Mode, Möbeln, Beschattungen, Bootsbau und vieles mehr gezeigt.

Aufgefallen ist uns hier Wendy Andreu mit ihrem Projekt HARD SELVEDGES für SUNBRELLA — Faser-Abfälle aus der Produktion werden als Rohstoff für neue Materialien verwendet. Basierend auf einem lösemittelfreien Acrylharz sind sie nicht nur widerstandsfähig, sondern haben individuelle neuartige Designs.

Knallbunte Fasern aus Abfällen
weiße Pilze für die Verwendung in der Architektur

Growing Pavilion

Unser nächstes großes Ziel war dann Strijp. In den ehemaligen Philips Produktionshallen gibt es viel Platz für innovative, junge Firmen aus den unterschiedlichsten Bereichen und Raum für zahlreiche Ausstellungen. Man hätte problemlos mehrere Tage hier verbringen kann. Ein paar Highlights: Schon das Außengelände mit diversen Pavillons lädt zum verweilen ein. Am ungewöhnlichsten ist wohl der GROWING PAVILION von Pascal Lebouq und Krown Design. Die Außenhaut ist komplett aus dem nachwachsenden Myzel von Ganoderma-Pilzen und mit Ästen, Zweigen und pflanzlichen Abfällen „konstruiert“. Wofür der Pilz noch verwendbar ist, z.B. Möbel oder Kleidung, sieht man im Inneren. Wirklich aufregend!

Bunte Pappkartonflächen mit Begriffen zum Thema Produktlebenszyklus

Circular Design

Nebenan im Powerhouse, bei CIRCO lernt man, wie man sehr einfach neue Geschäftsmodelle entwickelt. Circular Design für Produkt- und Materialdesign, nachhaltige Materialien zu schaffen, die am besten nach dem Cradle-to-Cradle Prinzip funktionieren, alles was man dem Kreislauf entnimmt, kann ihm am Ende seines Lebenszyklus wieder zurückgegeben werden.

Skateboard mit einem dicken Rad in der Mitte

Mobilität in der Zukunft

Ein großes Thema auf dem Freigeländer dahinter war natürlich Mobilität. Verschiedene Fahrzeug Konzepte werden vorgeführt und man darf auch selbst den Helm aufsetzen und losflitzen. Zum Beispiel mit meinem Favoriten — dem Onewheel Board. Ein Skateboard mit einem dicken Rad in der Mitte. Cooler kann man kaum durch die Stadt skaten, solange man das Gleichgewicht hält. Nur durch Gewichtsverlagerung beschleunigt man, bremst oder fliegt ins Gebüsch. Mit 25 Sachen. Ka-Wumm. Geil. Übung macht den Meister.

Präsentationstafeln mit verschiedenen Algen in Glasbehältnissen

Raumluft zum Reinbeissen

Mit viel mehr Zeit und Ruhe, geht es bei Hyunsoek Ans Projekt THE CORAL um die Reinigung von Raumluft mit Hilfe von Algen, die man dann auch noch essen kann! Klingt verrückt, ist es auch! Typisch asiatisch! Optisch erinnert die Installation an IKEA, geschmacklich sind die Algen wohl auch eher fad, dafür aber unglaublich gesund und vor allen Dingen ist die Luft dufte! Tolle Idee.

Plattenmaterial aus Holzstaub-Abfällen

New Lignum

Ein weiterer Ort der Dutch Design Week, den wir nicht unerwähnt lassen wollen, war die Kazerne in der Paradijslaan mit allen Nebengebäuden. Eigentlich Hotel und Restaurant, aber gleichzeitig ein Ort für Kunst, Design, Objekte, Möbel und Architektur. Hervorheben möchte ich das Material NEW LIGNUM von den beiden Studenten der Design Academy Eindhoven Ahrenberg & Guzman Olmos, die Holzstaub-Abfälle aus Schreinereien mit Casein mischen, gefärbt wird es durch Oxidation bspw. mit Kupfer und zum Schluss gepresst. Daraus entsteht eine sehr leichte, interessante Optik, die etwas an Pressspan erinnert. Das Ergebnis sind erstaunlich stabile Plattenware oder Formen, die das Studio direkt zu Möbeln verarbeitete. Wenn das Material serienreif ist, würde ich es gerne im Messebau verwenden.