Steinskulpturen in Bad Kreuznach

Steinskulpturen in Bad Kreuznach

Kubach & Kropp
meets
Tadao Ando

Steinskulpturenmuseum, Bad Kreuznach

Ovale Steinskulptur im Kiesgarten vor der Fachwerkscheune des Steinskulpturenmuseums, im Hintergrund stehen mehrere schmale Steinstelen an der Betonmauer.

Andos kleinstes Werk in Europa

Heute waren wir in Bad Kreuznach – naja, sagen wir mal: ein verschlafenes Städtchen, das seine Schätze gut versteckt. Erstmal mit der Fähre über die Nahe — handbetrieben, kurz, aber schön, so ein bisschen wie Kindergeburtstag. Dann rauf auf den Rheingrafenstein, kurze aber erfolgreiche Besteigung, Überblick verschafft. Und dann: das eigentliche Ziel des Tages. Das kleinste der fünf Bauwerke, die Tadao Ando in Europa gebaut hat, steht ausgerechnet hier, im Nahetal.

Sichtbeton trifft Scheune

Was macht man, wenn man den vielleicht kompromisslosesten Sichtbeton-Architekten der Welt engagiert — und der plötzlich eine 225 Jahre alte Fachwerkscheune ins Konzept holt? Genau das ist hier passiert. Ando stellt die historische Scheune, original von 1785, auf einen geschosshohen Sichtbetonsockel, umschlossen von Betonhöfen. Die Schaltafeln sind im Maß von Tatami-Matten geschnitten, das Bindeloch-Raster ist das Markenzeichen. Diffuses Licht auf den Wänden, gedämpfte Stimmung im Raum — Beton, der nicht mit den Skulpturen konkurrieren will, sondern sich zurücknimmt. Die Gründer hatten sich schon 15 Jahre vor der Eröffnung an Ando gewandt — 2010 war es dann so weit. Bis heute das einzige zeitgenössische Museum weltweit, das sich ausschließlich der modernen Steinskulptur widmet.

Blick von unten auf den Giebel der historischen Fachwerkscheune, die auf einem Sockel aus Sichtbeton mit charakteristischem Bindeloch-Raster steht.
Schlanke, gestreifte Steinsäule steht mittig in einem flachen Wasserbecken vor einer Sichtbetonmauer und spiegelt sich im Wasser.

„Stein ist Materie“

Das Fundament des ganzen Museums — im wörtlichen wie im übertragenen Sinn — ist das Lebenswerk von Anna Kubach-Wilmsen und Wolfgang Kubach, ab 1968 als Team unterwegs. Ihr Leitsatz: Stein ist keine Form, die man bearbeitet. Stein ist Materie. In den 1970ern dann das Leitmotiv, das sie berühmt gemacht hat: das Buch. Steinbücher, Steinzeitungen, Büchertürme aus Marmor und Granit. Eine ihrer Bibliotheken, 316 „Bücher“ stark, liegt seit den 80ern als Dauerleihgabe in der Französischen Nationalbibliothek in Paris.

Turm aus übereinander gestapelten, buchähnlichen Steinskulpturen in verschiedenen Gesteinsarten und Farben, von unten fotografiert vor blauem Himmel.

Wenn Steine klingen

Michael Kropp, Schwiegersohn der Museumsgründer und selbst Bildhauer, hat uns anderthalb Stunden geführt. Kubach & Kropp arbeiten gerne mit Gabbro und schwarzem Granit aus Schweden. Was ihre Arbeiten wirklich abhebt: Sie klingen. Kropp hat, bevor er Bildhauer wurde, Musik gemacht — manche Steine bergen im Inneren frei bewegliche Elemente, die bei Berührung einen Ton erzeugen. Man steht vor einem tonnenschweren Granitblock, tippt ihn an — und er antwortet. Man soll die Steinskulpturen nicht nur sehen. Man muss sie hören.

Große kugelförmige Skulptur mit zellenartig strukturierter, heller Oberfläche steht auf einem dunklen Sockel im Innenraum der Fachwerkscheune, im Hintergrund das Sprossenfenster im Giebel.
Nahaufnahme einer weißen Marmorskulptur mit ovalen, geometrisch ausgeschnittenen Öffnungen, durch die Bäume im Hintergrund sichtbar sind.
Eine kettenartige Skulptur aus verketteten Natursteinblöcken erklimmt eine Sichtbetonmauer und fällt auf der anderen Seite wieder herab.
An Drähten hängende Skulptur aus rostigem Cortenstahl in Boots- und Hausform, schwebt vor einer Sichtbetontreppe im Innenraum.

Die anderen Paare

Die aktuelle Sonderausstellung heißt „Künstlerpaare — Gemeinschaftsarbeiten“, kuratiert von Livia Kubach, und zeigt neben den Gründern und Kubach & Kropp noch vier weitere Duos. Kuratorisches Interesse: wie künstlerische Partnerschaft überhaupt gelingen kann, wenn zwei sehr verschiedene kreative Energien aufeinandertreffen.

Yvonne Kracht und Gerard Höweler zeigen „Eingriff in den Kubus“ von 1972 — eines der ältesten Werke der Schau. Kracht arbeitete geometrisch, mit Plexiglas und Stahl; Höweler suchte sich Steine, die Jahrtausende von Eis und Wasser geformt hatten, und öffnete sie mit präzisen Schnitten. Ihre Söhne beschreiben das Paar so: eine Einheit — und gleichzeitig zwei Welten, weit voneinander entfernt.

Martina Benz und Willi Weiner kombinieren in „Seeblick“ (2026) zwei völlig unterschiedliche Materialsprachen: Benz choreografiert die Schwere des Steins (Pflastersteine sind seit ihrer Diplomarbeit ihr Thema), Weiner verschweißt Cortenstahl zu Formen, die der Flüchtigkeit des Materials eine Gestalt geben.

Kyungmin Sung und Ralph Korte zeigen „Crystal Bodies“ und „Standbilder“ aus feinem Naxos-Marmor. Kennengelernt in Berlin, unterwegs für ihre Kunst zwischen Griechenland und Korea. Am schönsten fand ich Kortes Satz dazu: Die eigene Handschrift hat sich über die Jahre so weit angenähert, dass man kaum noch sagen kann, wer welchen Stein bearbeitet hat — und das auch gar nicht mehr will.

Weitwinkelaufnahme des Steinskulpturenmuseums mit Fachwerkgiebel über Sichtbetonmauer, dramatischer Wolkenhimmel mit durchbrechender Sonne, Kiesweg im Vordergrund.

Geöffnet bis 25. Oktober 2026, samstags/sonntags/feiertags 14–17 Uhr. Eintritt 7 €, unter 18 frei. Sonntags und feiertags um 15 Uhr öffentliche Führung für gut investierte 5 €. Ein Muss. Keine Anmeldung nötig. Am 30. August steigt das Museumsfest — freier Eintritt, Live-Musik, Kinder-Workshops.

www.fondation-kubach-wilmsen.de

La Bourse de Commerce

La Bourse de Commerce

Charles Ray
meets
Tadao Ando

La Bourse de Commerce, Paris

Rundbau mit Sichtbeton und einem runden Wandgemälde

Kunst oder Architektur oder Architektur für die Kunst

Tadao Ando hat ein wahres Meisterwerk vollbracht. Moderne trifft Geschichte. Beton katapultiert eine 500 Jahre alte Getreidehalle in die Zukunft. Das Gebäude steht zwischen Louvre und Centre Pompidou, wurde wohl 1578 erbaut und nach der Zerstörung und dem Wiederaufbau 1767 zur Getreidehalle. 1812 bekam es die damals größte Metallkuppel der Welt und war damit 1889 zusammen mit dem Eiffelturm Aushängeschild der Weltausstellung, und wurde schließlich zur „Bourse de Commerce“. Heute beherbergt es die „Pinault Collection“ mit rund 10.000 Werken von 350 Künstlern.

Kreisrund

Tadao Ando hat einen gigantischen Zylinder in das kreisrunde, geschichtsträchtige Denkmal betoniert. Hört sich krass an, ist es auch. Atemberaubend, radikal und doch eine gelungene Symbiose aus alt und modern. Er ist der Mittelpunkt des Gebäudes, lichtdurchflutet von der Glaskuppel und wird gekrönt vom 360°-Gemälde, das die Geschichte des Handels erzählt. Alles ist rund, das ganze Gebäude. Von unten aus erreicht man über einen Rundgang und die Treppen die Ausstellungsräume, den Aufenthaltsraum, den Empfangsbereich und ein wohl sehr leckeres Restaurant im dritten Stockwerk mit Blick über die Stadt. „La Halle aux Grains“.

Lichtkuppel
runde Architektur mit 360-Grad-Wandgemälde
Bemalte Gesichter in einer Ausstellung

Béton Brut

Wir hatten das Glück Bauten von Tadao Ando schon auf einer Japan-Reise zu sehen. Der ehemalige Profiboxer hat 1969 als Autodidakt sein Atelier gegründet. Vielleicht geht er deshalb so radikal an seine Werke heran. Äußerst minimalistisch, Sichtbeton (immer in der Größe der klassischen japanischen Tatami-Bodenmatten aus Reisstroh), einfache Formen, meist mit einem zentralen Raum in der Mitte, Licht von oben, hier und da ein Blick nach außen in die Natur. Er verbindet japanische Tradition mit Moderne auf einzigartige Weise. Er ist wohl der bekannteste Architekt Japans. Eine Frage, die man sich fortwährend stellt — wie haben die den ganzen Beton da hinein bekommen?

Kreisrunder Lichteinfall aus der Lichtkuppel
Glänzende Skulptur eines Reiters vor einem historischen Gebäude

Horse and Rider

Charles Ray (nicht mit Ray Charles zu verwechseln) arbeitet vor allem skulptural. Er verbindet sein kunstgeschichtliches Wissen, klassische Formen mit zeitgenössischer Umsetzung. Für ihn ist die Wahl des Materials so wichtig wie die Form. Marmor, Beton, Papier, Aluminium, Kohlefaser, alles dabei! Das genau macht aber seine Skulpturen so spannend. Schon vor dem Gebäude steht dieser 9 Tonnen schwere, polierte Reiter aus Stahl im Sonnenlicht, blitzt und funkelt wie im Kitschladen. Aber der Bursche trägt alltägliche Klamotten und keine Uniform, die Zügel hat er wohl auch vergessen?

Männer und Autos

Im Inneren dann, in der riesigen Rotunde, sind die Werke spärlich verteilt. Drei an der Zahl. Ein spielender Junge, eine alte Karre, ein Mann auf einem Klotz sitzend. WOW. Der Junge spielt völlig vertieft mit seinem Spielzeugauto kriegt nichts mit von dem was um ihn herum passiert. Die Karre ist ein altes, eigentlich schrottreifes Auto. Und der Mann auf der Box ist ein Selbstportrait, genaugenommen ist Charles Ray mal so ein Auto gefahren und der Junge ist auch er.

weiße Skulptur eines kleinen Jungens, in mitten von Museums-Besuchern
alte Schrottkarre in Museum
Skulptur eines Mannes, der auf einem Klotz sitzt

Hyperrealistische Skulpturen

Seine Skulpturen griffen häufig auf Figuren, bzw. Darstellungen in der Kunstgeschichte zurück, sind aber in die Gegenwart geholt und in einen zeitgenössischen Kontext gestellt. Auch spielt er gerne mit Proportionen, was die Werke noch kurioser macht. Charles Ray gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen amerikanischen Künstler. Seine Werke benötigen viel Zeit in der Entstehung, bisher gibt es nur um die 150 an der Zahl. Verglichen mit Picasso, der jeden Tag ein Werk geschaffen hat, ist das nicht viel.

weiße Skulptur von Jesus
Skulptur eines übergroßen Mannes, der einen Burger rin den Händen hält
Skulptur eines Zwergs in Sneaker liegend auf einem Quader

Nach so viel überwältigender Architektur und Kunst, heißt es für uns wieder, husch, husch zurück zum Messestand, damit auch alles passt und wir unser Werk dem Kunden übergeben können. Au revoir, Paris!

Pinault Collection

www.tadao-ando.com

www.charlesraysculpture.com