Water Light
Festival
Brixen
Wenn die Stadt zur Bühne wird
Stephan Lang, unser langjähriger Partner in Sachen Medientechnik, hat uns Jahr für Jahr von einem tollen Medienfestival in den Tiroler Bergen vorgeschwärmt. Wir müssten da unbedingt mal hin, das müssten wir uns ansehen. Dieses Jahr war es endlich soweit. Und Stephan sollte recht behalten.
Ab in die Berge
Im Büro war gerade Ruhe eingekehrt, also dachten wir uns: Zeit für etwas anderes. Ein paar Berge besteigen, die Dolomiten sind schließlich auch ziemlich doll, und dazu noch ein bissl Kunscht genießen. Why not. Auto gepackt, Wanderschuhe obendrauf, aufi geht’s.
Erste Etappe: Übernachtung mit Aussicht und leckerem Fisch bei Julia und Daniel im Allgäu. Es könnte schlechter laufen. Nur die Straße dorthin war ziemlich dicht – Vollsperrung. Irgendwas ist ja immer.
Weite nach Südtirol
Am nächsten Morgen eine kurze Wanderung, dann weiter über den Brenner. Punkt 15 Uhr in Brixen. Nett. Ein gepimptes Kloster sollte unsere Bleibe sein. Erstmal ankommen, eine Kleinigkeit essen.
Wer läuft uns direkt über den Weg? Sascha – seine Adern sind Lichtleiter, immer auf Zack, für ihn gibt’s kein Problem, das er nicht gelöst bekommt. Und da kommt auch Stephan angeflitzt. Ulkig. Und wir hatten Hunger. Dritter im Bunde: Gérard, ebenfalls am Start – und schon auf dem Gerüst.
Baustelle mit Aussicht
Das Festival war noch voll im Entstehen, mitten in der Aufbauphase. Richtig losgehen sollte es erst in fünf Tagen. Das hat die Sache für uns aber nur spannender gemacht: Jeden Abend konnten wir die Entwicklung einer anderen Projektion beobachten. Mal am Kirchturm, dann an der Bücherei, dann eine kleine Kapelle. Gefühlt wird die halbe Stadt bespielt. Urlaub machen, wo andere arbeiten – hat auch mal was.
Die Geissler Spitzen
Am nächsten Tag ging’s erstmal auf den Berg. Lecker essen gäbe es auch auf der Alm – aber um diese Jahreszeit, das muss man wissen, haben fast alle Almen bereits geschlossen. Wer größere Touren vorhat, sollte sich vorher selbst versorgen. Merke: Berg schlägt Buffet, aber nur, wenn man den Rucksack vorher gefüllt hat.
Die Festung
Am besten hat uns die Installation auf der Franzensfeste, von Brixen aus wenige Minuten zu fahren, gefallen: einfach und beeindruckend zugleich. „A Mesa Usc“ von Kokoschka Revival verwandelt die Festungsmauern in eine Licht- und Klanglandschaft, die sich mit dem Thema politischer Grenzen auseinandersetzt. Im Zentrum steht die mündliche Erinnerung von Frauen – Volksliedtraditionen aus Friuli Venezia Giulia treffen auf neue Aufnahmen aus Südtirol. Konzipiert von Ana Shametaj und Giuditta Vendrame, mit Klang von Renato Rinaldi und Licht von Giulio Olivero. Und, ganz ohne Projektion: Auch die Festung selbst ist einen Abstecher wert.
50 Projektoren
Ebenfalls ein Highlight: Claudia Reh, die mit gefühlt 50 Overheadprojektoren – ja, genau die Klassiker aus der Schule (also damals) –, gemalten Bildern und kleinen Aquarien die komplette Große Lauben-Gasse bespielt hat. Ziemlich cool. Tagelang geplant, getestet, auf- und wieder abgebaut – und am Ende war es ein Knaller. Ihre Arbeit „Fractions“ ist Teil des größeren Projekts „Imagine Peace“ und deutet Brüche und Narben, angelehnt an die japanische Kintsugi-Tradition, als sichtbare Spuren – und als Ausgangspunkt für Neues.
Bibliothek im Fluss
Unser Animationshighlight aber: Julian Hölscher an der Bibliothek. Er hat die Architektur des Gebäudes direkt in seine Projektion integriert – und sie dabei regelrecht verschwimmen lassen. Langsame, entschleunigte Bildbewegungen, dazu eine Soundcollage aus Ambient-Geräuschen: Die Arbeit erinnert daran, dass Veränderung hin zu einer nachhaltigen Zukunft Zeit braucht. Manchmal muss ein Haus erst verschwimmen, damit man es wirklich sieht.
Und sonst so
Das Festival hatte natürlich noch mehr zu bieten. Studio McGuire (Davy & Kristin McGuire aus UK) zeigte mit „Sirens“ eine poetische Wasserinszenierung, in der flüchtige Meerwesen zwischen Sichtbarkeit und Imagination auftauchen. Gan Jian aus Peking schuf mit „Cornerstone.Integ“ einen fast rituellen Raum aus Licht und Klang, in dem sich Maßstab und Orientierung auflösen. Playmodes aus Barcelona ließ mit „Horizon“ Licht, Klang und Raum zu einem offenen Feld verschmelzen – ein fließender Übergang zwischen Realität und Illusion.
Und Liminal State (Saverio Villirillo und Gregorio Comandini) machte mit „+3° Hot Machines“ sichtbar, was sonst verborgen bleibt: die Wärme, die Maschinen neben Energie auch erzeugen. Nebel trifft auf aufsteigende Hitze, und plötzlich sieht man thermische Strömungen, die sonst unsichtbar bleiben. Nebenbei bemerkt: Das Spannungsfeld Mensch-Maschine war schon mein Diplomthema – und langweilig wird es offenbar immer noch nicht.
Miriam Prantl zeigte mit „Spheres“ (in Zusammenarbeit mit Brixen Tourismus und der Vorarlberger Firma Zumtobel) vier ineinander verschlungene, LED-besetzte Ringe, die tagsüber durch changierende Lackfarben und nachts durch pulsierendes Licht wirken – schwerelos und filigran zugleich.
Voice of Ukraine
Julia Shamsheieva rückte mit „Voice of Ukraine“ die weibliche Figur als Sinnbild der Ukraine in den Mittelpunkt: ein teilweise verhülltes, singendes Gesicht, inspiriert von der traditionellen Motanka-Puppe, begleitet von einer Komposition aus ukrainischen Liedmotiven und zeitgenössischen Arrangements.
Nächste Baustelle: Hannover
Eine aufregende, ereignisreiche und fast erholsame Woche – wäre da nicht doch einiges an Arbeit im Gepäck gewesen. Bei der Verabschiedung fragte uns Stephan, wann wir das nächste Projekt angehen. Spontan fiel uns die IAA Nutzfahrzeuge im September in Hannover ein – da ginge doch bestimmt auch mal wieder eine schöne Installation. Schauen wir mal, ob das klappt.
